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nessaniel ([personal profile] nessaniel) wrote2015-09-12 12:06 am
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"Schlaf" von Murakami - ACHTUNG SPOILER

Ich habs so satt. Ich hab es so satt, dass ich ein Buch lese (in diesem Fall Murakamis Novelle über eine Frau, die mit Anfang Dreißig plötzlich nicht mehr schlafen kann) und mir am Ende beinah schlecht wird, weil eine mögliche Vergewaltigung angedeutet wird.

Die Ich-Erzählerin erlebt eine Schlafparalyse (die mit "Trance" übersetzt wurde. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es im Original auch so bezeichnet wird, aber auf Recherche hab ich keine Lust) und kann danach nicht mehr schlafen. Sie ist allerdings auch nicht müde und ihr Körper wehrt sich nicht gegen das ständige Wachsein, also gestaltet die Frau ihre gewonnene Zeit nach ihren eigenen Vorstellungen.



Das heißt im Klartext - und im Gegensatz zur reißerischen Zusammenfassung auf der Rückseite, die was von "gefährlich" schwafelt - dass sie "Anna Karenina" aus dem Schrank nimmt und sich mit einer Flasche Cognac und Schokolade (von der ihr Mann, der Zahnarzt ist, nichts hält) aufs Sofa setzt und liest liest lies.

Ab und zu fährt sie mit ihrem Auto nachts durch die Gegend und schaut sich im Hafen Schiffe an und liest in der Bibliothek kluge Bücher über Schlaf und Insomnie, sodass man dann so Absätze bekommt wie diesen hier:


"Ich will jedenfalls nicht von meiner Disposition [damit meint sie ihren Alltag, der aus Kochen, Einkaufen, Putzen und Muttersein besteht] aufgezehrt werden. Und wenn Schlaf nur die periodische Widerkehr ist, um mich von der Aufzehrung durch meine Disposition zu heilen, dann wil ich ihn nicht. Ich brauche ihn nicht mehr. Mein Körper mag von Dispostionen aufgezehrt werden, doc mein Geist gehört mir. Ich behalte ihn fest für mich. Ich gebe ihn nicht her. Ich will nicht therapiert werden. Ich schlafe nicht."



Klingt alles sehr nach klischeehaft beschriebener Midlifecrisis einer Hausfrau und ist es auch.

Sie betrachtet gen Ende hin ihren schlafenden Mann und denkt dass er hässlich geworden ist, und wahrscheinlich noch hässlicher werden wird und sie das "würde [...] ertragen müssen" in den nächsten Jahren.

Das steht dann auch schön im Kontrast zum Anfang der Geschichte, wo sie noch darüber Witze macht, dass ihr Mann zwar keine Schönheit ist, sie sich aber dafür bei ihm wohlfühlt und unterstreicht hervorragend ihre Oberflächlichkeit, die wirklich häufig betont wird (sie findet ihre eigene Mutter hässlich, weil diese nicht mehr schlank und schön ist).

Danach schaut die Ich-Erzählerin ihrem etwa achtjährigen Sohn beim Schlafen zu und denkt, dass der ihre Gefühle auch später niemals begreifen wird, was an und für sich schon Grund genug gewesen wäre, dieses Buch zur Seite zu legen und Murakami das Gesicht in Kartoffelpüree zu drücken, aber da ich dann nur noch etwa zehn Seiten vor mir hatte, hab ich das nicht getan.

Auch weil ich dachte, es kann ja nicht mehr schlimmer werden.

Falsch gedacht.

Der Höhepunkt der Geschichte besteht darin, dass die Frau auf einen Parkplatz fährt (nachts natürlich) und über den Tod nachdenkt und dann stehen plötzlich zwei Gestalten an ihrem Wagen, die explizit als "Männer" bezeichnet werden, die gegen die Scheiben schlagen und der Ich-Erzählerin panische Angst einjagen, bis sie sich in den Sitz fallen lässt, ihr Gesicht mit den Händen bedeckt und nur noch weint.

"Aber Kiwi", könnten jetzt einige sagen. "Da steht doch gar nix von Vergewaltigung, da hast du von alleine dran gedacht!"

Nein, hab ich nicht. Vorher gibt es eine Szene, in der ein Polizist die Ich-Erzählerin darüber aufklärt, dass eine Frau die nachts unterwegs war vergewaltigt wurde. Auf dem Parkplatz steht ein weiteres Auto, in dem sich möglicherweise ein Liebespaar befindet, wie die Ich-Erzählerin denkt. Sie kleidet sich bewusst wie ein Mann, bevor sie das Haus verlässt, (KLINGELT DA WAS) und sie sucht sich den Parkplatz direkt unter der Laterne aus.

Weiterhin gibt es Andeutungen wie "Um Ärger zu vermeiden, ziehe ich meine Mütze tief ins Gesicht. So sehe ich nicht wie eine Frau aus. Ich vergewissere mich nochmal, das alle Türen abgeschlossen sind."

DIE ANDEUTUNGEN SIND ETWA SO UNAUFDRINGLICH UND PURES UNDERSTATEMENT WIE EIN KOREANISCHES MUSIKVIDEO
ALSO NEIN ICH HABE DA NICHT "VON ALLEINE DRAN GEDACHT".

Da les ich mir also durch, wie eine Frau entdeckt, dass sie mit ihrer Mutter- und Hausfrauenrolle unzufrieden ist und dann, wenn sie sich endlich ein eigenes Leben aufbaut (durch ihre Bücher und die Schokolade) und sich lossagt von ihrer Mutterrolle (durch den Hass auf ihren Sohn) und von ihrem Ehemann und sich dann noch in die Männerwelt begibt (nachts, in der Kleidung ihres Mannes) WIRD SIE MIT NER VERGEWALTIGUNG BESTRAFT.

WILLST DU MICH EIGENTLICH VERARSCHEN, MURAKAMI.

WER HAT DIR DENN INS SOBA GEKOTZT.

Ich gebe zu, dass ich mich am Anfang sehr schwer tat, mit der Ich-Erzählerin, eben weil sie so gelangweilt ist von ihrem Leben (und ich momentan in einer Situation bin, in der ich denke, dass ich töten würde für einen geregelten, langweiligen Alltag), aber im Endeffekt ist das ihr gutes Recht und DASS DANN MIT DIESER OFFENSICHTLICH SEXUELL KONNOTIERTEN GEWALT ZU BESTRAFEN IST SO EINE BODENLOSE FRECHHEIT.

OOOOOOH MEIN GOTT, BIN ICH WÜTEND GERADE.

(einzig schön waren die Illustrationen. Ignoriert das Spanische, aber die Bilder sind wundervoll (sie sind mehr schwarz-silbern im Buch als blau-silbern)

Ich schreib jetzt Boyband-hat-Superkräfte-Fanfiction, um mich abzureagieren.

(btw, hallo Leute, ich lebe noch, sorry, wenn ich nicht kommentiere, ich hab momentan viel mehr mit RL zu tun als ich eigentlich will und außerdem geht meine ganze Zeit online dafür drauf, mich über Filme aufzuregen und Namen von Boybands auswendig zu lernen (EXO, B.A.P, Bigbang, GOT7 und SHINee kann ich schon). ICH HAB EUCH LIEB :D)