nessaniel: (Default)
nessaniel ([personal profile] nessaniel) wrote2015-12-08 02:56 am

Kiwis Adventskalender: 8. Türchen

Fandom: Ein Fall für Zwei
Bingo-Challenge: Wieder zum Kind werden (ziemlich…wörtlich. Sie sind Kinder :D).
Inhalt: Leo und Benni sind dreizehn Jahre alt und unterhalten sich über Mädchen.
Anmerkung: Liebste [livejournal.com profile] failte_aoife alles alles Gute zum Geburtstag, FEIER SCHÖN!!!


1986

Er ist so froh, dass Leo doch noch vorbei gekommen ist, denkt Benni, als sie sich seine Sofakissen um die Ohren schlagen und Leo ihm ständig in die Taille kneift, weil er ein Idiot ist und niemals fair kämpfen würde.

Sie schreiben morgen Mathe und eigentlich haben sie sich zum Lernen verabredet, doch wie immer, wenn Leo da ist, kriegt Benni nichts fertig und ihre Bücher haben sie bereits vor Stunden in die Ecke gepfeffert.

"Du kannst doch eh schon alles", sagt Leo dann immer, und auch wenn Benni nicht angeben will, muss er Leo zustimmen. Er beherrscht den Stoff ziemlich gut; sämtliche Aufgaben im Mathebuch hat er schon gemacht (in den Osterferien, als Leo eine Woche lang bei seiner Oma war und Benni fast gestorben ist vor Langeweile. Doch das behält er für sich).

"Siehst du", erklärt Leo, als sei es das Offensichtlichste von der Welt. "Und ich hab Geometrie von Anfang an sowieso nicht verstanden, also brauchen wir jetzt auch nicht mehr anfangen. Nintendo?"

"Wir machen gerade Algebra. Aber ja, von mir aus."

Jetzt haben sie nicht nur Nintendo gespielt, sondern auch die Carrerabahn zweimal umgebaut, Bennis Comichefte nach Farben sortiert, was eine total bescheuerte Idee war, und dann hat Leo ihm ein Kissen an den Kopf geworfen. Sie springen wie besessen durchs Zimmer, die Kissen hocherhoben, Benni droht ihm schlimmste Folter an, Leo revanchiert sich mit Flüchen, die im Hause Hornberg normalerweise mit einer Ohrfeige bestraft werden, doch Bennis Eltern sind nicht da und die Frau, die im Erdgeschoss gerade die Wäsche bügelt, interessiert sowieso nicht, was sie hier treiben.

Ein Kissen kommt auf ihn zugeflogen, Benni duckt sich hastig und schreit triumphierend "Ha, daneben!", doch da greift Leo mit der freien Hand nach Bennis Kragen, zerrt ihn mit einem gewaltigen Ruck nach vorne. Benni verliert das Gleichgewicht, er stürzt und krallt sich instinktiv in Leos Pullover. Damit hat Leo offensichtlich nicht gerechnet, er schreit auf. Sie krachen gegen den Schreibtisch, irgendwas fällt um und zerspringt in tausend Teile, Leo stolpert und endlich fallen sie wie zwei gefällte Bäume auf den Boden, Leo landet mit dem Hinterkopf auf den Mathebüchern und Benni irgendwo an seinem Hals.

Schnaufend und keuchend liegen sie da und es sagt niemand ein Wort, bis Benni sich aufsetzt und vollkommen entrüstet auf Leo runter schaut.

"Was sollte das denn, du Idiot?"

"Wollte gewinnen", antwortet Leo ihm vollkommen außer Atem.

"Man kann bei einer Kissenschlacht nicht gewinnen!"

"Sagst du!"

Benni schnaubt und steht endlich auf, um das Chaos in seinem Zimmer in Augenschein zu nehmen. Sie haben die Topfpflanze von der Fensterbank geworfen, vor der Heizung liegen Scherben und krümelige Erdklumpen, und ein großer Wasserfleck breitet sich immer weiter aus.

Leo bleibt seelenruhig in all dem Schutt liegen und starrt an die Zimmerdecke. Einen kurzen Moment lang fragt sich Benni, ob er sich wehgetan hat und ob er ihm helfen soll, doch dann drückt Leo den Rücken durch und setzt sich mit einem Stöhnen auf. Er streicht sich über den Hinterkopf und betrachtet die Bücher, als sähe er sie zum ersten Mal.

"Mathe bringt mich noch um, ich hab's doch gesagt", murmelt er und Benni würde gern sauer bleiben, wirklich, immerhin ist es Leos Schuld, dass sein Fußboden aussieht wie ein Schlachtfeld. Er wendet sich ab, um sein Grinsen zu verbergen und tut so, als würde er das Kissen aufheben.

"Ich glaube, deine Pflanze ist kaputt", sagt Leo - und Benni schafft es eine ganze Sekunde lang, eine strenge Miene zu bewahren, ehe er in heulendes Gelächter ausbricht. Er lässt sich fallen, strampelt mit den Beinen und presst sich das Kissen ins Gesicht, doch es nützt nix, er lacht so laut, als gäbe es einen Preis zu gewinnen und als dann Leo auch noch mit einstimmt, ist sowieso alles verloren.

Sie schaukeln sich gegenseitig hoch, jedes Mal, wenn einer zu Atem kommt, zeigt der andere wieder auf die Pflanze und es geht von vorne los. Benni versucht mehrmals aufzustehen, doch er schafft es bloß, sich auf sein Bett zu werfen und mit den Fäusten auf die Matratze zu trommeln, während er sich ausschüttet vor Gelächter. Leo ist tomatenrot angelaufen, er ringt nach Luft und presst sich die Hände auf die Rippen. Er sucht Halt an Bennis Bett und lehnt sich mit dem Rücken gegen die Kante, doch obwohl sie sich nicht mehr gegenseitig ins Gesicht schauen, dauert es trotzdem noch geschlagene zehn Minuten, ehe sie sich wieder unter Kontrolle haben.

Sie keuchen wie nach einem Tausend-Meter-Lauf.

"Ich kann nicht mehr", stöhnt Leo und Benni beißt sich hastig auf die Lippen, um nicht wieder zu lachen. Ihm tut schon alles weh. Er dreht sich um und schlägt Leo auf die Schulter.

"Danke für diesen Beitrag, Herr Oswald", murmelt er. Leo gluckst.

"Keine Ursache, Herr Hornberg!"

Er ist so ausgelaugt, dass er nur ein amüsiertes Schnauben zu Stande bringt und starrt vergnügt an die Zimmerdecke. Langsam kommt er wieder zu Atem. Sie sollten dringend die Überreste der Pflanze verschwinden lassen, denkt er, doch er fühlt sich plötzlich sehr müde und schwer. Ein paar Minuten noch, entscheidet er. Er wirft einen verstohlenen Blick auf Leo, doch es sieht nicht so aus, als würde der jeden Moment aufspringen wollen. Gott sei Dank.

"Ich find Siezen komisch", murmelt Leo da, gerade als Benni die Augen zumachen will.

"Hä?"

"Na, wenn man gesiezt wird", erklärt Leo und zuckt die Schultern. "Unter Erwachsenen ist das normal, aber ich find es komisch, wenn Herr Kaus mich siezt."
Herr Kaus ist ihr Deutschlehrer und er hat Leo bisher ein einziges Mal gesiezt, vor drei Wochen als Leo die Tafel mit Seife eingerieben hat.

Benni grinst. "Du findest das nur komisch, weil du immer Standpauken kriegst, wenn jemand ‚Sie‘ sagt. Das verbindet dein Gehirn einfach nur schlecht miteinander."

Leo verdreht die Augen, doch er wendet den Kopf ab, wodurch Benni weiß, dass er wahrscheinlich Recht hat.

"Trotzdem", fährt Leo fort. "Siezen sollten sich nur Erwachsene."

"Ich habe gehört, dass die in den oberen Klassen alle gesiezt werden. In der Oberstufe ist das völlig normal."

"Find ich blöd." Leo runzelt die Stirn. "Man ist doch nicht erwachsen, nur weil man in die zwölfte Klasse geht."

Er klingt auf einmal recht ernst. Benni weiß nicht so genau, worauf Leo hinauswill, doch er spielt mit. Besser als aufstehen und aufräumen, ist es allemal.

"Ab wann ist man denn für dich erwachsen?", fragt er.

"Keine Ahnung. Vielleicht..."

"Ja?"

"Was weiß ich!" Leo wirft entnervt die Hände in die Luft. "Wenn man heiratet und Kinder bekommt oder so. Auf jeden Fall nicht in der Schule."

Benni lässt sich das Ganze durch den Kopf gehen. Es klingt gar nicht so abwegig, immerhin sind die meisten Erwachsenen, die er kennt, verheiratet oder waren es zumindest schon mal. Trotzdem kommt es ihm sehr seltsam vor und ihm läuft sogar ein Schauer über den Rücken, als er an die schwarzweißen Hochzeitsfotos denkt, die auf der Kommode seiner Oma stehen. Seine Eltern sehen darauf nicht besonders fröhlich aus. Eher wie Gespenster.

"Ich kann mir nicht vorstellen, jemals irgendwen zu heiraten", meint er leise. "Mädchen sind so... so..."

"Komisch?", schlägt Leo vor. Er hat einen ähnlich entsetzten Ausdruck auf dem Gesicht wie Benni.

"Ja, schon. Die... kichern." Das ist nicht ganz das, was er sagen wollte, aber Benni kann auch nicht so genau erklären, was ihn an Mädchen stört. Leo scheint ihn trotzdem zu verstehen, denn er nickt eifrig und beugt sich verschwörerisch näher an Benni heran.

"Genau. Außerdem tuscheln die immer, wenn man vorbeigeht."

Benni stutzt. "Wer tuschelt?"

Einen Moment lang schaut Leo weg und er wird sogar ein kleines bisschen rot. "Gabi und Paula. Letzte Woche, als wir an denen vorbeigegangen sind, nach Sport. Hast du das nicht bemerkt?"

"Nein. Bist du sicher?"

"Ja. Nein. Keine Ahnung!" Er verschränkt die Arme vor der Brust und blickt beinah trotzig auf den Fußboden. "Die haben auf jeden Fall gelacht, als ich mich zu ihnen umgedreht habe."

"Könnte auch an etwas anderem gelegen haben."

"Vielleicht. Vielleicht auch nicht."

Darauf fällt Benni nichts mehr ein. Er denkt zurück an die Sportstunde und fragt sich, warum Gabi und Paula gelacht haben könnten. Hatte Benni seinen Pulli falsch herum angezogen? Kann er sich eigentlich nicht vorstellen, Leo hätte ihm da bestimmt Bescheid gesagt. Er kann sich auch nicht erinnern, jemals ein Wort mit Paula gewechselt zu haben und Gabi hat ihn die letzten Wochen über bloß ein paar Mal gefragt, ob er ihr einen Stift leihen könnte, oder das Deutschbuch.

Benni stutzt. Gabi ist eine Streberin – „Genau wie du auch, Benni“ hört er Leo in seinem Kopf sagen, aber darum geht es hier ja nicht – und ihm fällt gerade auf, dass es doch gar nicht zu ihr passt, ihre Bücher oder ihr Mäppchen zu vergessen.

Hat sie das etwa nur gemacht, damit sie mit ihm reden kann?

Schlagartig springen seine Gedanken zu Gabis dunklen Haaren und ihrer großen Nase, ihrem breiten, rosaroten Mund und den braunen Augen, die ihn erwartungsvoll anschauen. Er stellt sich vor, wie er sich vorbeugt und die Sommersprossen auf ihren Wangen zählt und die Lippen spitzt und…

Benni fiept und wirft sich herum. Sein Bauch zieht sich unangenehm zusammen, sein Gesicht ist unerträglich heiß und er hat Gänsehaut vom Scheitel bis zu den Zehenspitzen. Oh Gott, er will doch gar nicht an sowas denken, er weiß doch nicht mal, was genau er sich da eigentlich vorstellt und überhaupt, hat er nicht gerade noch behauptet, dass er Mädchen komisch findet?

Eine Hand landet plötzlich auf seiner Schulter.

„Benni? Alles in Ordnung?“

Das hat gerade noch gefehlt, denkt Benni, doch er dreht sich wieder um, weil Leo ihn ja sowieso nicht in Ruhe lassen wird. Er setzt sich auf und vermeidet jeden Blick in Leos Gesicht, er ist schließlich immer noch knallrot.

„Was’n los?“, fragt Leo ihn.

„N-nicht, ich hab nur… es ist nichts.“

„Spuck‘s schon aus.“
Es ist manchmal echt nervig, einen besten Freund zu haben, vor allem einen, der ihn so gut kennt. Benni beißt sich auf die Lippen. Er hat keine Lust zuzugeben, was ihm da gerade durch den Kopf geht, immerhin besteht die Möglichkeit, dass er sich Gabis Verhalten wirklich nur einbildet. Anlügen will er Leo aber auch nicht, das gehört sich nicht.

„Ich…also ich…“, stammelt er, dann holt er tief Luft. „Hast du schon mal jemanden…weißt schon…“

„Nein, weiß ich nicht. Was denn?“

„Na… ein Mädchen. Geküsst. Meine ich.“

Es ist eine total idiotische Frage und eigentlich erwartet Benni auch, dass Leo ihn auslacht. Sie kennen sich so gut und verbringen jede freie Minute miteinander, so dass es völlig ausgeschlossen ist, dass Leo jemanden geküsst hat, ohne, dass Benni davon weiß.

Doch anstatt zu grinsen und einen blöden Spruch vom Stapel zu lassen, macht Leo bloß große Augen. Ihm klappt der Mund auf, er wird dunkelrot und dreht hastig den Kopf weg. Benni ist so überrascht, dass all die wirren Bilder von Gabi plötzlich wie weggeblasen sind. Er richtet sich auf, schaut auf Leo hinunter, der seine Hände anstarrt.

"Nee", haucht er leise. "Hab ich nicht."

Benni nickt, obwohl er sich nicht sicher ist, was er nun mit dieser Information anfangen soll. Sein Blick streift den zerbrochenen Terrakotta-Topf auf dem Fußboden. Vielleicht hätte er doch besser aufräumen sollen.

Nach ein paar Augenblicken räuspert Leo sich. "Ich kann mir auch gar nicht vorstellen, was daran so toll sein soll", erklärt er laut. "Es sind doch nur... Lippen. Und Zähne. Und Spucke."

"Hm", macht Benni. Er glaubt Leo kein Wort. "Irgendwas muss es ja sein. Sonst würden es nicht so viele Leute machen, oder?"
Leo antwortet nicht und schaut zum Fenster hinüber. Er scheint sich wirklich nicht besonders wohl zu fühlen, doch er ist selbst schuld. Er hätte nicht mit diesem Blödsinn anfangen sollen. Trotzdem wird Benni ihn nicht weiter ärgern. Schließlich hat er selbst keine Ahnung.

Er will aufstehen, um endlich den Besen zu holen, da dreht sich Leo um und schaut ihm direkt ins Gesicht.

"Glaubst du, die anderen haben schon mal...?", fragt er, seine Stimme ein bisschen höher als sonst.

"Wen meinst du? Die anderen aus der Klasse?"

"Hm."

Benni legt den Kopf schief. "Ich weiß nicht. Thomas vielleicht?"

"Ob... ob wir was verpassen?"

Jetzt klappt Benni der Mund auf. Das ist nun wirklich das Letzte, woran er gedacht hätte, und im ersten Moment will er sagen, dass Leo total bescheuert ist. Doch dann fängt er an, nachzudenken und es erscheint ihm plötzlich gar nicht mehr so abwegig. Er weiß nicht, was seine Klassenkameraden so treiben, er redet mit kaum einem der anderen Jungen und mit den Mädchen sowieso nicht (und wenn er jetzt ständig dieses heiße, kribbelige Gefühl im Bauch bekommt, wenn Gabi vor ihm steht, dann wird das auch so bleiben, schwört er. Das ist ja nicht zum Aushalten.)

Trotzdem ist ihm nicht wohl bei dem Gedanken, dass die anderen mehr Erfahrung haben könnten als er. Sie ärgern ihn eh schon, weil er der Langsamste im Schulsport und ein Streber ist, und natürlich, weil sein bester Freund Leo Oswald heißt, den nicht einmal die Lehrer leiden können. Er will ihnen nicht noch mehr Munition geben.

"Ich weiß es nicht", sagt er mit einem zaghaften Lächeln. "Vielleicht schon."
Im nächsten Moment sitzt Leo plötzlich ganz nah vor ihm auf dem Bett und schaut ihn erwartungsvoll an. Benni zuckt zusammen. Was hat er denn jetzt schon wieder nicht mitbekommen?

"Okay", sagt Leo. "Dann ändern wir das."

"Hä?"

"Ich küss dich jetzt."

"Was?!"

Leo verdreht die Augen und packt Bennis Hand. "Komm schon. Dann wissen wir, wie das ist und keiner kann uns verarschen. Wir gegen die, Benni. Wie immer."

Was ist das nur für ein bekloppter Tag, schießt es Benni durch den Kopf, als er Leo intensiv beobachtet, um rauszufinden, ob er nur einen Witz macht. Macht er natürlich nicht, Leo meint den größten Schwachsinn üblicherweise todernst.

Benni lacht nervös. "Sollte man das nicht mit einem Mädchen üben?"

"Siehst du hier eins?"

Typische Leo-Logik. Benni schaut weg und kommt sich doof vor, wie er hier händchenhaltend mit Leo auf seinem Bett sitzt. Das dumme Kribbeln ist auch wieder da und er weiß nicht mal warum. Es ist doch nur Leo und nicht Gabi.

"Hast du Angst?", fragt Leo grinsend.

"Quatsch", antwortet Benni ungeduldig. Er hasst es, wenn Leo ihn auslacht. Mutig packt er Leos Hände fester, holt tief Luft und schaut ihn entschlossen an.

"Also gut. Küss mich."

Leo nickt. "Okay. Sind ja auch nur Lippen", fügt er hinzu, so, als müsse er sich selbst daran erinnern. Benni hält das Ganze für eine ziemlich blödsinnige Idee, doch er sagt nichts, bleibt einfach sitzen und wartet.

Und wartet.

Leo rührt sich nicht. Er schaut wie gebannt auf Bennis Mund und schwankt ein bisschen nach links und rechts."Ist irgendwas?", fragt Benni und leckt sich rasch die Lippen. Hat er etwa Spinat zwischen den Zähnen oder Mundgeruch?

"Nee, es ist nur..." Leo macht eine vage Handgeste und zuckt die Schultern. "Vielleicht sollten wir uns dafür hinstellen."

"Warum?"

"Keine Ahnung. Fühlt sich besser an."

Sie stehen vom Bett auf und stellen sich ganz dicht voreinander. Benni weiß nicht so recht, was er mit seinen Händen machen soll, also legt er sie vorsichtig an Leos Taille. Leo zuckt zurück.

"Das kitzelt!"

"Oh... tut mir leid."

Benni grinst und nimmt die Hände wieder runter. "Dafür, dass du es gerade noch so eilig hattest, lässt du dir jetzt ziemlich viel Zeit."

"Du könntest ja auch anfangen", schießt Leo zurück.

Das stimmt, denkt Benni, doch immerhin ist das hier Leos Idee gewesen. Er seufzt.
"Wie wär's, wenn du mich erst mal auf die Wange küsst?"

"Also wenn schon, denn schon", meint Leo.

"Ich mein ja nur. So als Übung."

Ohne eine Antwort abzuwarten, dreht er den Kopf zur Seite und hält Leo seine Wange hin. Er hört mehr, als dass er sieht, wie Leo sich die Lippen leckt, tief Luft holt und sich dann vorbeugt. Einen halben Millimeter vor Bennis Wange hält er an. Er muss nur noch die Lippen spitzen, doch er rührt sich nicht.

Mit einem Mal macht sich ein unheimlich komisches Gefühl auf Bennis Haut bemerkbar, es kitzelt und brennt, er reißt den Kopf weg.

"Was ist?", fragt Leo erschrocken, während Benni sich heftig über die Wange reibt. "Ich hab doch gar nichts gemacht!"

"Das fühlt sich total doof an!", erklärt Benni. Zu dem unangenehmen Ziehen in seinem Bauch gesellt sich ein Kribbeln und seine Stirn fängt plötzlich auch an zu jucken. Es ist kein Wunder, dass seine Eltern sich nie küssen, das ist ja ein Aufwand!

"Oh. Tut mir leid?" Leo sieht plötzlich so aus, als habe er einige Zweifel an seinem Plan, doch Benni wird ihn jetzt nicht mehr vom Haken lassen. Sie ziehen das jetzt durch, koste es, was es wolle.

"Schon gut. Wir küssen uns besser auf den Mund."

"Okay."

Sie holen beide tief Luft, schauen sich an - und lachen.

"Das ist total bescheuert, was wir hier machen, oder?", sagt Leo kopfschüttelnd. Seine Wangen sind gerötet, doch er scheint nicht mehr so nervös zu sein.

"Ja, schon", gibt Benni grinsend zu. "War ja schließlich deine Idee."

"Schon gut. Wir... wir müssen ja auch nicht..."

"Jetzt stehen wir schon mal hier."

"Stimmt."

"Wir machen ja auch nicht mit Zunge, oder?"

Empört schnappt Leo nach Luft. "Natürlich nicht! Was denkst du denn bitte?"

"Ist ja gut, ich frag ja nur."

"Okay. Also... dann nochmal?"

"Gerne."

Sie nehmen wieder Aufstellung. Benni streckt die Arme aus und umfasst sanft Leos Schultern. Die hellblauen Ärmel seines Hemds haben die gleiche Farbe wie Leos Pullover. "Ist das okay?"

"K-klar. Das auch?", fragt Leo, als er seine eigenen Hände auf Bennis Hüften legt. Benni nickt. Er spürt, wie sich Leos Brust mit jedem Atemzug hebt und senkt und hört, wie seine Klamotten leise rascheln. Das Kribbeln in seinem Bauch rast seine Wirbelsäule hinauf und hinunter und lässt ihn schaudern. Er zieht die Schultern hoch, als er Gänsehaut bekommt, doch Leo scheint es nicht zu bemerken, denn er kaut auf seiner Unterlippe herum und fixiert Benni mit einem durchdringenden Blick.

Dann atmet Leo tief ein. "Ich zähle bis drei, okay?"

"Okay."

"Wir können ja auch die Augen zumachen."

"Aber dann treffe ich vielleicht deine Nase. Und dann müssen wir das nochmal machen?"

"Stimmt. Also, auf drei?"

Benni nickt. Leo tritt noch ein bisschen näher an ihn heran, bis sich ihre Nasen fast berühren. Sein Mund ist leicht geöffnet, sein Atem streift Bennis Gesicht. Er riecht nach den Bonbons, die sie vorhin gegessen haben.

"Eins."

Leos Augen sind grün, das weiß Benni natürlich, doch so bewusst wie jetzt war ihm das noch nie. Es sind schöne Augen. Groß und hell und der Blick darin scheint widerzuspiegeln, was Benni selbst gerade fühlt. Nervosität, na klar, aber eigentlich ist es eher... Neugier. Und Vorfreude. Als würde man im Kino sitzen und endlich würde das Licht ausgehen.

"Zwei."

Benni hält Leos Schultern fest, der Stoff knittert unter seinen Fingern. Leos Daumen malen kleine Kreise auf seine Hüften, auch wenn sich Benni sicher ist, dass er das gar nicht bemerkt. Er bleibt ganz still stehen und selbst das Kribbeln, das mittlerweile seinen ganzen Körper erfasst hat, ist nicht mehr unangenehm. Er lächelt, ohne es zu wollen. Leo tut es ihm gleich.

"Drei."

Benni beugt sich vor –

In dem Moment fliegt die Tür auf und seine Mutter kommt herein.

"Benjamin, ich erwarte, dass du mich begrüßt, wenn ich das Haus betrete!"

Leo reagiert blitzschnell. Er stößt Benni nach hinten aufs Bett, greift sich eins der vergessenen Kissen und zieht es ihm über den Schädel.

"Hab ich dich!", brüllt er laut, stürzt sich auf die Matratze und schwenkt das Kissen wie wild umher. Während Bennis Mutter ihn mit einem verkniffenen Gesichtsausdruck betrachtet, hat Benni genug Zeit, um sich zu sortieren.

"Guten Tag, Mama", sagt er und steht auf. Leo bleibt auf dem Bett liegen, plötzlich ganz betont ruhig und gelangweilt, er schaut aus dem Fenster und sagt kein Wort. Dass er außer Atem ist fällt gar nicht auf.

"Wieso lernst du nicht?", fragt seine Mutter vorwurfsvoll. "Du schreibst morgen eine Arbeit."

"Ja. Ich äh,... wir haben zusammen gelernt."

"Aha. Und wieso... was ist das denn?!"

Sie zeigt völlig empört auf den zerbrochenen Pflanzenkübel. Benni wird tiefrot. Seine Gedanken jagen quer durch seinen Schädel, er weiß nicht, was er sagen soll.

"Oh, das", ertönt da Leos Stimme. "Ich war wütend und hab die Pflanze nach Benni geworfen. Tut mir leid."

Benni beißt sich auf die Zunge, um nicht zu lachen. Seine Mutter sieht aus, als würde sie Leo am liebsten eine runterhauen, doch dann räuspert sie sich nur. "Du gehst jetzt, Leo Oswald", sagt sie laut. "Und du, Benjamin, wirst aufräumen. Und dann setzt du dich hin und lernst, haben wir uns verstanden? Das wird ein Nachspiel haben."

"Ja, Mama."

Er senkt den Kopf und erwartet, dass sie das Zimmer verlässt, doch seine Mutter bleibt im Türrahmen stehen, bis Leo sich mit einem endlos tiefen Seufzer vom Bett erhebt. Seine Lippen sind immer noch gerötet, fällt Benni auf, was natürlich absolut unpassend ist. Leo fängt seinen Blick ein - und feixt.

"Danke, Benni. Hat mir sehr weitergeholfen. Sollten wir wieder machen."

"K-klar. Beim Zählen und so. Da kann ich dir immer helfen."

Leo prustet los. "Bis morgen, Benni!", bringt er heraus, dann rennt er an Bennis Mutter vorbei aus dem Zimmer und die Treppe hinunter.

Benni starrt ihm grinsend nach. Die Tirade seiner Mutter über diesen "rotzfrechen, dreisten, ungehobelten Burschen" hört er kaum und auch als sein Vater ihm später am Abend wegen des zerbrochenen Pflanzenkübels eine Ohrfeige verpasst, ist ihm das völlig egal.

Er denkt an Leo und über seinen Rücken jagen wohlige Schauer.